Aktuelle Situation auf der Kulturinsel

Liebe Freundinnen und Freunde der Kulturinsel,
ich habe heute eine sehr persönliche Mail an unser Team geschrieben und lange überlegt, ob ich Teile davon öffentlich teilen soll.
Am Ende habe ich mich dafür entschieden.
Denn die Kulturinsel war für mich immer ein Ort der Offenheit, Ehrlichkeit und echten Begegnung — und ich glaube, dass Transparenz gerade in schwierigen Zeiten wichtig ist.
Die letzten Monate waren privat und organisatorisch extrem intensiv.
Parallel zur schweren Krebserkrankung von Lanas Vater befinden wir uns mit der Kulturinsel mitten in einer der schwierigsten Phasen seit unserer Gründung:
35 % Kürzungen, Unsicherheiten rund um Interim und Kernsanierung, eingeschränkte Möglichkeiten Eigenmittel zu erwirtschaften und gleichzeitig immer mehr gesellschaftliche Erwartungen an Orte wie die Kulturinsel.
Vielleicht wirkt vieles von außen oft leicht oder erfolgreich:Veranstaltungen, Presse, Netzwerke, Kooperationen, voller Innehof, schöne Bilder.
Die Realität dahinter ist eine andere.
Die Kulturinsel wurde über viele Jahre mit enorm viel persönlichem Einsatz, Ehrenamt, Risiko und Improvisation getragen.
Und gleichzeitig konnte damals niemand wissen, dass sich Prozesse wie Transformation, Kernsanierung und Interim über so viele Jahre ziehen würden.
Denn ich bin trotz allem seit 1995 Unternehmer und seit 2012 Sozialunternehmer genug, um zu wissen:
Natürlich kann und muss die Kulturinsel langfristig funktionieren, ohne dass Menschen sich dauerhaft selbst aufopfern!
Genau daran glauben Lana und ich bis heute.
An einen Ort, der gesellschaftlich relevant, wirtschaftlich tragfähig und menschlich gesund organisiert sein kann.
Vielleicht macht gerade diese Übergangsphase alles so extrem.
Und trotz aller Unsicherheiten gibt es gleichzeitig viele Zeichen, die uns in unserem positiven Denken bestärken:
aus der Verwaltung, aus der Wissenschaft, aus der Zivilgesellschaft, aus der Kultur und auch aus der Wirtschaft.
Gerade in den letzten Monaten erleben wir sehr viel Offenheit, Interesse und Unterstützung für die Kulturinsel und ihre Idee.
Vielleicht fühlt sich genau deshalb gerade alles so extrem an.
Wie nach dem vierten Marathon in Folge — zwei Kilometer vor dem Ziel und ohne Wasser.
Man weiß nicht sicher, ob man es wirklich schafft.
Aber gleichzeitig spürt man:
Jetzt aufzugeben wäre vielleicht genau der falsche Moment.
Und ehrlich:
Manchmal bin ich inzwischen trotzdem an einem Punkt, an dem ich mich frage, wie lange ich diese Form von Dauerverantwortung noch tragen kann.
Nicht, weil ich die Kulturinsel nicht liebe.
Sondern gerade weil ich sie liebe.
Denn die Wahrheit ist:
Solche Orte entstehen nicht einfach.
Und sie bleiben auch nicht einfach bestehen.
Sie brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Sie brauchen Vertrauen.
Sie brauchen langfristige Unterstützung.
Und sie brauchen Strukturen, die nicht dauerhaft auf Selbstaufopferung basieren.
Ich merke gerade sehr deutlich, wie endlich Kraft sein kann.
Und trotzdem glaube ich weiterhin an die Idee hinter der Kulturinsel:
an Begegnung,
an Kultur für alle,
an Nachhaltigkeit,
an intersektorale Zusammenarbeit,
an Räume, in denen unterschiedlichste Menschen zusammenkommen können.
Vielleicht nicht perfekt.
Vielleicht nicht geradlinig.
Aber ehrlich.
Und gleichzeitig denke ich zum ersten Mal seit vielen Jahren auch ernsthaft darüber nach, wie ein anderes Leben aussehen könnte.
Nicht aus Verbitterung.
Sondern weil Lana und ich schon immer wissen, dass Gesundheit, Familie und Würde wichtiger sind als jede öffentliche Anerkennung — dennoch halten wir es für wichtig, nicht aufzugeben.
Lana hat immer gesagt:
„Wir sind kein Aufgeber-Pärchen.“ und das sagt sie selbst jetzt, in dieser privaten Extremsituation.
Vielleicht ist genau das die ehrlichste Beschreibung unserer aktuellen Situation:
Wir kämpfen weiter und werben um Unterstützung, nicht nur durch Schulterkloofen und likes, sondern eben finanziell.
Aber wir tun nicht mehr so, als wäre dieser Kampf selbstverständlich oder endlos.
Danke an alle Menschen, die diesen Weg mit uns gehen, uns unterstützen oder die Kulturinsel in den letzten Jahren mitgetragen haben ❤️
In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir unsere Ziele gesund erreichen — oder dass wir uns, wenn Wege sich verändern, trotzdem im Frieden und vielleicht sogar in Freundschaft begegnen können.
Euer Joachim Petzold



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