
Der grüne Schlüssel wird nie übergeben!
- 9. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Lana und Joachim übergeben die Verantwortung an die Eigentümerin, die Stadt Stuttgart.
Bad Cannstatt, Herbst 2028
Die Nachricht kommt an einem Dienstagmorgen.
Für viele überraschend.
Für einige unvorstellbar.
Für manche längst überfällig.
Nach 18 Jahren Kulturinsel Stuttgart, ehemals Club Zollamt, ziehen die Beiden einen Schlussstrich.
Der Gründer der Kulturinsel gibt seine Verantwortung ab.
Die Entscheidung fällt wenige Wochen nachdem bekannt wurde, dass sich die Kernsanierung des Zollamt-Areals erneut verzögert.
Mindestens drei weitere Jahre.
Fast zeitgleich wird bekannt, dass das Württemberg-Haus, das für viele als Symbol einer neuen Zukunft galt, aufgrund ungelöster bürokratischer und rechtlicher Fragen nicht weitergeführt werden kann.
Für Außenstehende wirkt die Entscheidung plötzlich.
Für Menschen, die die Kulturinsel seit Jahren begleiten, ist sie es nicht.
Zu oft wurden Hoffnungen verschoben.
Zu oft wurden Übergänge verlängert.
Zu oft mussten einzelne Menschen ausgleichen, was eigentlich Aufgabe tragfähiger Strukturen gewesen wäre.
Zu oft wurde aus „bald“ ein weiteres Jahr.
Zu oft wurde aus Planungssicherheit eine neue Zwischenlösung.
Die eigentliche Tragik
Die eigentliche Tragik dieser Geschichte besteht nicht darin, dass Lana und Joachim aufgeben.
Die eigentliche Tragik besteht darin, dass die Kulturinsel nie die Chance bekam, die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen.
Die Idee funktionierte.
Die Projekte funktionierten.
Die Menschen funktionierten.
Die Nachfrage funktionierte.
Die Nachbarschaft funktionierte.
Die Wissenschaft funktionierte.
Die Kooperationen funktionierten.
Selbst die Finanzierung funktionierte oft erstaunlich gut – gemessen an den Rahmenbedingungen.
Was nie funktionierte, war der Übergang von einer Gründeridee zu einer dauerhaft getragenen Struktur.
Eine Insel voller Widersprüche
Vielleicht war die Kulturinsel immer ihrer Zeit voraus.
Ein Gemeinschaftsgarten neben einem Club.
Wildkräuterführungen neben Musikfestivals.
Nachbarschaftsfeste neben wissenschaftlichen Tagungen.
Kultur neben Bildung.
Wirtschaft neben Gemeinwesenarbeit.
Subkultur trifft Industrie.
Für viele war das über Jahre ein Widerspruch.
Für die Kulturinsel war es ihre Identität.
Gerade deshalb wurde sie für Tausende Menschen zu einem besonderen Ort.
Ein Ort, an dem sich Menschen begegneten, die sich sonst nie begegnet wären.
Ein Ort, an dem Ideen ausprobiert wurden, bevor sie politisch oder gesellschaftlich akzeptiert waren.
Ein Ort, an dem die essbare Stadt, die Klima-Innovationsprojekte oder die Saatgutbank nicht als Einzelprojekte verstanden wurden, sondern als Teil einer größeren Idee.
Die Frage, die bleibt
Vielleicht und hoffentlich werden die Gebäude durch andere Nutzer:innen weiter genutzt.
Vielleicht gibt es weiterhin Veranstaltungen.
Vielleicht entstehen sogar neue Projekte.
Vielleicht bleibt Inselgrün.
All das ist möglich.
Doch eine Frage wird bleiben:
Was hätte aus diesem Ort werden können?
Was wäre aus der Kulturinsel geworden, wenn sie die Planungssicherheit erhalten hätte, die ihr seit Jahren versprochen wurde?
Was wäre möglich gewesen, wenn die Energie von Ehrenamtlichen, Mitarbeitenden, Partnern und Gründern nicht immer wieder für Übergangslösungen gebraucht worden wäre?
Was wäre entstanden, wenn die Kraft stattdessen vollständig in die Zukunft hätte fließen können?
Niemand wird diese Frage jemals beantworten können.
Kein Scheitern
Joachim Petzold selbst spricht nicht von Scheitern.
Er spricht von einer Grenze.
Von einer Grenze, die irgendwann erreicht ist.
Von der Erkenntnis, dass Verantwortung nicht bedeutet, alles bis zum letzten Atemzug selbst zu tragen, jetzt soll die Stadtverwaltung die Verantwortung übernehmen und er teilt sehr klar die Hoffnung auf eine sehr positive Zukunft für das Zollamtareal, denn die Kulturinsel war in der gedachten Form zukunftsfähig,
Und von der Hoffnung, dass, das Zollamtareal dennoch eines Tages genau das wird, was die Stadtgesellschaft verdient hätte, ein Ort, der Welten verbindet und für alle da ist:
Ein Ort, der größer ist als seine Gründer.
Ein Ort, der von vielen getragen wird.
Ein Ort, der bleibt.
Nicht weil einzelne Menschen durchhalten.
Sondern weil eine Gesellschaft erkennt, welchen Wert solche Orte für ihre Zukunft haben.
Die eigentliche Frage
Vielleicht ist deshalb die eigentliche Schlagzeile dieses Herbstes nicht:
„Lana und Joachim geben die Kulturinsel auf.“
Sondern:
„Wie lange darf eine Stadtverwaltung erwarten, dass einzelne Menschen ihre strukturellen Probleme aus Leidenschaft lösen?“
Die Antwort auf diese Frage wird nicht nur über die Zukunft der Kulturinsel Stuttgart in Bad Cannstatt entscheiden.
Sondern über die Zukunft vieler ähnlicher Orte in Stuttgart und in Deutschland.
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Stopp.
Zurück in die Gegenwart, ins Jahr 2026.
Der Text, den ihr gerade gelesen habt, ist kein Bericht von heute.
Er ist ein Gedankenexperiment.
Eine mögliche Geschichte aus dem Herbst 2028.
Noch schreiben wir das Jahr 2026.
Noch ist keine dieser Entscheidungen gefallen.
Noch ist das Württemberg-Haus eine große Chance.
Noch kämpfen wir nicht vergeblich, sondern mit voller Energie.
Noch gibt es viele Menschen, die an die Zukunft der Kulturinsel glauben.
Und genau deshalb haben wir diesen Text geschrieben.
Nicht um Angst zu machen.
Nicht um Mitleid zu erzeugen.
Sondern um eine Frage zu stellen:
Welche dieser Geschichten wollen wir in einigen Jahren lesen?
Die Geschichte eines Ortes, der größer wurde als seine Gründer?
Oder die Geschichte eines Ortes, der nie die Chance bekam, seine nächste Entwicklungsstufe zu erreichen?
Wir kennen die Antwort nicht.
Deshalb ist dieser Text keine Prognose.
Sondern eine Einladung zum Nachdenken.
💚🏝️.


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